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Raum des Abschieds

Hamburg, 01.07.2016, Militärseelsorge.

Ansprache der Künstlerin Kerstin Carbow zur Einweihung des Raumes des Abschieds am 01.07.2016

Einführung in das Kunstwerk

Raum des Abschieds Parament
Raum des Abschieds Parament (Quelle: Militärseelsorge)Größere Abbildung anzeigen

„Leben ist eine Reise, die heimwärts führt.“ Dieses Zitat von Herman Melville, dem bedeutenden amerikanischen Schriftsteller und vielen von uns als Autor des Romans „Moby-Dick“ bekannt, zieht sich als eine Botschaft auf dem Weg von den Aufzügen bis in diesen Raum hinein. Im Moment des Abschieds und der Trauer um einen verstorbenen Menschen mag dieser kurze Satz ein kleines Zeichen der Hoffnung und des Trostes sein. Vor drei Jahren haben wir zusammen in diesem Haus den „Raum der Stille“ eingeweiht, eine Oase der Ruhe, Geborgenheit und des Innehaltens. Nun weihen wir diesen „Raum des Abschieds“, der ganz andere Aufgaben zu erfüllen hat. Hier werden zuweilen Aufbahrungen stattfinden, bei denen sich Angehörige und Freunde von den Verstorbenen verabschieden können.

Meine Kunst ist niemals nur schmückendes Beiwerk, sondern nimmt auf sensible Weise an den Prozessen teil, die sich im Raum ereignen. Ich gestalte in erster Linie für Menschen und ihre Bedürfnisse. Daher waren auch bei diesem Gestaltungsprojekt die ersten Fragen, die ich mir stellte: „Was wird hier gebraucht? Für wen wird dieser Raum sein?“ Ich musste mich einfühlen, einfühlsam sein, lauschen ... und meine Wahrnehmungen in Farbe, Form und Wort übersetzen, um sie für den Betrachter sichtbar zu machen.

Besonderheit und große Herausforderung für alle Beteiligten war bei diesem Projekt die ungewöhnliche Doppelnutzung dieses Raumes. Ausgewiesen als Leichenkühlzelle des Krankenhauses sollte hier im Nachhinein eine schön gestaltete Nische entstehen, die für kurze Aufbahrungen und Abschiedsmomente zur Verfügung steht. Doch dieser Raum ist im Krankenhausalltag ein moderner und funktionaler Arbeitsraum, in dem die Pflegerinnen und Pfleger ihre Arbeit tun. Daher mussten hier besondere Auflagen der Hygieneabteilung und Vorschriften des Bundesbauamtes erfüllt werden. Allen Schwierigkeiten, die sich uns in den Weg stellten, sind wir kreativ begegnet.

Heute kann ich schmunzelnd sagen: „Welcher Künstler außer mir kann eigentlich noch sagen, dass seine Kunstwerke regelmäßig desinfiziert werden ...?“ Das ist schon sehr ungewöhnlich!

Bei Bedarf wird dieser Raum nun optisch geteilt, indem der große Leichenkühlschrank aus Edelstahl für die Besucheraugen hinter einem weichen Vorhang verborgen wird.

Noch vor Konzept und Entwurf standen mehrere intensive Gespräche mit den Krankenhausseelsorgern Herrn Dr. Rohde und Herrn Nikorowitsch, die eher theologisch2 philosophischer als künstlerischer Natur waren. Wie schon beim „Raum der Stille“ sollte auch dieser Raum überkonfessionell angelegt sein und in jeder Hinsicht Offenheit ausstrahlen, ohne dabei den christlichen Hintergrund zu verleugnen. Daher habe ich wieder eine Symbolsprache gewählt, die teilweise verborgen ist und vielschichtig gedeutet werden kann.

Im Mittelpunkt stehen dabei die drei quadratischen Gemälde – deren Anordnung ich an dieser Stelle etwas salopp „Hochkant-Triptychon“ nenne. Eine Assoziation zu mittelalterlichen Tafel- und Altarbildern mag gerne aufkommen. Drei ist unter anderem die Zahl der Trinität: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Doch auch die drei Tage von Karfreitag bis Ostern, vom Tod bis zur Auferstehung, stehen hier Pate. Ebenso ist die Vorstellung berücksichtigt worden, dass nach dem Sterben die Seele noch drei Tage in der Nähe des Leibes bleibt, bevor sie ins Licht geht. Aus diesem Grunde wurden auch in vergangenen Zeiten die Verstorbenen drei Tage im eigenen Hause aufgebahrt.

Alle Leinwände sind quadratisch. Das Quadrat steht in meinen Kunstwerken häufig als Symbol für die Erde. Das untere Bild ist rauh und dunkel. Hier habe ich Erde und Asche der Spachtelmasse beigemischt. „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“ In der Bildmitte ist ein Quadrat hochplastisch eingefügt, das sich aus vier kleinen Quadraten zusammensetzt. Die Fugen bilden ein helles Kreuz. Die Vier steht in der Ikonographie und der Numerologie unter anderem für die vier Himmelsrichtungen, die vier Elemente, die vier Jahreszeiten und die vier Evangelisten.

Das mittlere Bild ist die Verbindung von Unten und Oben. Es ist der Bereich des Übergangs und der Verwandlung und steht im Zentrum als das Herzstück meines Gemäldes. Hier durchdringen sich das Quadrat und der Kreis – die Erde und der Himmel – im Gleichgewicht der Proportionen. Ein Schwebezustand entsteht, den ich durch die Wahl der Farben noch verstärkt habe. Und hier taucht im Innenbereich durch die Überschneidung eine Art Achteck auf. Die Acht steht unter anderem für die Auferstehung und die Unendlichkeit.

Das reine Silber, zart auf die Außengrenzen der geometrischen Figuren aufgelegt, verwende ich in meinen Kunstwerken immer dort, wo ich eine Veränderung oder Verwandlung, auch eine Lösung oder Erlösung, andeuten möchte.

Wer genau hinschaut, erkennt in der Bildmitte ein Samenkorn, das wurzelt und ein erstes zartgrünes Keimblattpaar gebildet hat. Aus der Erde wächst etwas Neues empor. Die Blättchen strecken sich nach oben, dem Licht entgegen. Das Alte muss vergehen, damit Zukünftiges entstehen kann.

Im oberen Bild steht erhaben eine helle Sonne im Zentrum. Der Kreis ist ein Symbol für das große Himmelslicht, die lebensspendende Sonne. Der Sonnenaufgang ist in vielen Kulturen und Religionen eine hoffnungsvolle Vorstellung von Wiederkehr und neuem Leben. Ich assoziiere speziell hier den Ostermorgen.

In der Mitte ist meine Sonne weiß. Weiß ist die Heimat des Lichts, das alles Sichtbare gebiert. Diese Vorstellung durchzieht die meisten Religionen dieser Welt. Weiß symbolisiert Reinheit, Vollkommenheit, Wahrheit und Licht. Physikalisch ist Weiß die Summe aller Farben - sie ist geradewegs die vollkommene All-Farbe. Weiß ist die Farbe der Auferstehung.

Um die Sonne herum habe ich reines Gold aufgetragen. Gold ist ein edles und reines Metall, das sich nicht, wie beispielsweise Silber oder Kupfer, durch Oxydation verändert.

Es hat von Natur aus einen Bezug zur Sonne, zum Licht und zum Herzen. „Das Gold ist verdichteter Sonnenstrahl und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sonne“, hat vor mehr als hundert Jahren der Philosoph Rudolf Steiner formuliert. Ja, richtig.

Und Gold braucht unbedingt das Licht, denn ohne Licht könnte es nicht glänzen! Ich verwende hier Gold als Hinweis auf das Ewige, Unwandelbare und Strahlende: Auf die Quelle alles Seins – auf Gott.

Der Grund, auf dem alles getragen wird, ist die violette gebogene Wand. Sie ist die kleine Schwester der großen blauen Bogenwand im „Raum der Stille“. Das Halbrund umfängt den Aufgebahrten und die Trauergemeinschaft mit einem beschützenden und behütenden Gestus der Geborgenheit. Diese besondere Wirkung habe ich durch eine aufwendige künstlerische Technik verstärkt. Durch das Auftragen von sehr vielen Lasuren - an jeder Stelle etwa 12 hauchdünne Farbschichten in Farbvariationen von Nachtblau über Violett bis Braun - scheint das erdige Tiefviolett sanft und tiefklingend zu pulsieren. Violett ist die Farbe mit der kürzesten, d.h. höchsten Wellenfrequenz im Lichtspektrum. Sie ist die dunkelste Farbe des Farbspektrums und wird nicht nur als Trauerfarbe eingesetzt, sondern ist eine Mittlerin zwischen dem irdischen Rot und dem himmlischen Blau und steht folglich symbolisch auch für Übergänge. Violett ist eine würdevolle Farbe und ist seit jeher die Farbe der Spiritualität. Dies ist auch der Grund, weshalb sie oft in Kirchen Einsatz findet und eine der liturgischen Farben ist. Violett wird von vielen Menschen als die Farbe erfahren, die den Tag verabschiedet und das Dunkel der Nacht ankündigt. Damit steht sie auch für den Zwischenbereich von Leben und Tod.

Die starke Kraft der Farben ist das Fundament, auf das ich meine gesamte Kunst baue. Denn Farben sind reine Schwingungen und Energiefrequenzen und Nahrung für die Seele. Sie gehen mit uns in Resonanz und harmonisieren uns. Farben prägen unser Empfinden. Der Bauhaus-Künstler Johannes Itten formulierte dazu in seiner vielbeachteten Farbenlehre: „Farben sind Strahlungskräfte, Energien, die auf uns in positiver (oder negativer) Art einwirken, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.“ Bei so viel Symbolik erscheinen die beiden schlichten Kerzenleuchter, die links und rechts symmetrisch platziert sind, fast nebensächlich. Hier ist die Dreiheit des Triptychons in jeweils drei goldenen Quadraten proportional aufgenommen. Die Leuchter bilden mit den drei Gemälden eine Kreuzesachse. Mit ihnen gemeinsam haben wir fünf Einzelwerke auf der Bogenwand. Fünf ist die Zahl des Menschen.

Die im Kunstwerk verwendeten Farben Violett und Gold wiederholen sich auch auf dem Parament, das nur bei Verabschiedungen zu sehen sein wird. Das kalligraphisch entworfene und dann mit goldenem Faden gestickte Wort „Abschied“ begrüßt den in den Raum Eintretenden als erstes (Vielleicht sogar, bevor sein Auge den Aufgebahrten wahrnimmt?) und stimmt ihn in die besondere Atmosphäre des Raumes ein.

Bereits vor fast 2500 Jahren soll Perikles, der bedeutende Staatsmann der griechischen Antike, gesagt haben: „Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie sie mit ihren Toten umgehen.“

Das Leben in unserer säkularen Gesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten auch seine Spuren in der Bestattungskultur hinterlassen. Immer weniger Menschen sterben Zuhause. Während früher der Leichnam im Haus aufgebahrt wurde und die Verwandtschaft und die Dorfgemeinschaft vom Toten Abschied nahm, übernehmen nun Altenheime, Hospize oder, wie hier, Krankenhäuser diese Aufgabe. Die Verantwortung der Berufsangehörigen im Gesundheitswesen endet also keineswegs mit dem Tod ihres Patienten.

Von ihrem Einfluss können entscheidende Impulse zu einer erneuerten Kultur eines würdigen und respektvollen Umgangs mit dem Verstorbenen ausgehen. Wenn mein Kunstwerk dazu einen geeigneten Rahmen bietet, haben sich all meine Mühen gelohnt.

Kerstin Carbow


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Stand vom: 05.12.17 | Autor: Kerstin Carbow


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