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Papa fliegt nach Afghanistan

Einsatz, dann zur Nachbereitung. Aber nicht allein. Einzigartig in der Bundeswehr: Ein Einsatznachbereitungsseminar für die ganze Familie (LKU-Thema 02/2008 der Zeitschrift JS)

Tragfläche und Propeller einer Transall in der roten Abendsonne auf einem Flugplatz in Termez in Usbekistan.

Einsatz? Bis zu fünf Mal im Jahr! Transall in Termez in Usbekistan (Quelle: JS)Größere Abbildung anzeigen

Papa oben am Himmel, im Flugzeug. Und unten Menschen mit Gewehren. Das kleine Mädchen hat gemalt, was ihr zu dem Thema "Wenn der Vater im Einsatz ist" einfällt. Ein anderes Mädchen, 14 Jahre alt, lang und zart und mit riesigen braunen Augen, erklärt ihre Zeichnung: Auch sie malt gerade ihren Vater, mit einem großen Schnurrbart. Und sagt, dass er der tollste Papa der Welt sei. Wie sie sich fühlt, wenn er weg ist? Sie stockt. Da möchte sie nicht unbedingt weiter reden. Eine lebhafte Neunjährige schreibt auf ihr Bild: "Ich möchte, dass Papa gesund ist und nicht stirbt."

Rund 15 Kinder im Alter zwischen zwei und 15 Jahren sitzen auf Kissen auf dem warmen Holzfußboden und malen. Die eine Wand des Raumes ist komplett verglast, dahinter sieht man Schnee, blauen Himmel, gezackt die Alpen.

Steingaden in Bayern. Hier findet an diesem Winterwochenende ein Einsatznachbereitungsseminar für Soldaten statt. Es ist ein ganz besonderes Seminar, einzigartig in der Bundeswehr: Denn hierher kommen nicht nur die Soldaten zur Nachbereitung, sondern auch ihre Familien, Frauen und Kinder. Das Lufttransportgeschwader (LTG) 61 in Penzing bietet dieses Seminar drei Mal im Jahr an, für die Transall-Besatzungen, die Techniker am Boden und die Soldaten im Stab.

Zehn Familien nehmen teil. Das Prinzip der drei Tage: Die Soldaten, ihre Partner und die Kinder bekommen jeweils ein eigenes Programm, eine eigene Nachbereitung. Und am Sonntag treffen sie sich alle, zu einem gemeinsamen Abschluss. Dazwischen: Spaziergänge zur nahe gelegenen Wieskirche, Kutschfahrt im Pulverschnee, gemeinsam essen, gemeinsam feiern.

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"Beim Fliegen blende ich die Familie aus"

Die Soldaten – alle Männer – sitzen in einem Raum, ein paar Türen entfernt von ihren Kindern im Kreis und sprechen über ihren besten und ihren schlechtesten Einsatz. Die Transall-Besatzungen sind meist nicht lange fort – rund sechs Wochen – dafür aber häufig. Ein Ladungsmeister erzählt von insgesamt zehn Einsätzen, ein Taktischer Systemoffizier berichtet, 2008 werde er wohl fünf Mal gehen. Meist sind sie in Termez in Usbekistan stationiert und fliegen von dort aus nach Afghanistan, Kabul, Kunduz, Kandahar – wo immer Soldaten oder Politiker hin müssen.

Schwierig wird es für die Soldaten, wenn während des Einsatzes zu Hause Probleme auftauchen: Die Frau krank wird. Das Kind in der Schule plötzlich Schwierigkeiten hat. "In solchen oder ähnlichen Situationen waren wir ja alle schon mal", sagt ein Pilot, Vater von drei Kindern. "Es gibt einen Punkt, an dem man nichts mehr machen kann. Und die Frau zu Hause tut sich schwer damit, sie fühlt sich alleine – obwohl man alles versucht hat." "In dem Moment, wo ich zur Maschine gehe, blende ich die Familie aus", erzählt der Ladungsmeister. "Ja, den Schalter umlegen zu können, das ist wichtig, das ist ein Stück Professionalität", bestätigt Helmut Zappe. Er ist Sozialpädagoge, arbeitet beim Sozialdienst Kaufbeuren und leitet die Gruppe der Soldaten.

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Wieso muss ich schon wieder weg?

Helmut Zappe hat die Idee der Einsatznachbereitung für die ganze Familie mit geboren. 2004 war das, nach einem "normalen" Seminar für Soldaten, sie saßen zusammen, er, Ingrid Illing, Sozialpädagogin beim Sozialdienst Ingolstadt, sie leitet die "Frauengruppe", und Oberleutnant Gerrit Schillinger, Projektoffizier Einsatznachbereitung beim LTG 61. Mit ins Boot gekommen sind noch Hauptfeldwebel Herbert Wintersohl vom LTG 61 und Elisabeth Hannes, Erzieherin und Leiterin der Kindergruppe, sie sind komplett, sie machen das zusammen, mit ganz viel Herz. Seit gut zwei Jahren sind die Familienseminare im Angebot. Und immer ausgebucht.

Vieles ist anders als auf einem normalen Einsatznachbreitungsseminar. Die Männer sind entspannt. Denn Frau und Kinder sind dabei, nebenan, ein Zimmer weiter. "Schon aufgrund der Auftragslage ist es schwierig, die Soldaten hierher zu bekommen. Und sie fragen sich bei all den Einsätzen und Übungen eben auch: Wieso muss ich schon wieder weg, wieder drei Tage ohne die Familie?" so Helmut Zappe.

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Wie in Kunduz eine Rakete einschlug

Und die Gespräche sind andere. "Sonst geht es oft um militärische Interna, dann sind Dinge spannend wie: Warum durfte die andere Kompanie bis 0 Uhr raus? Warum hat die andere Besatzung ihre Leuchtmunition 20 Sekunden früher abgeschossen?" Auch an diesem Wochenende sprechen die Soldaten natürlich über ihre Einsatzerlebnisse: Wie im Küchenzelt in Kunduz eine Rakete einschlug. Wie ein hochrangiges Mitglied des Weltsicherheitsrates nach Pakistan geflogen werden musste, die Luft schwirrte vor Überwachung. Warum sie keine Laserbrillen bekommen, obwohl diese sie schützen könnten. Und wie sie es schaffen sollen, jetzt noch zwei Transalls mehr für den Einsatz zu stellen. Aber es sind keine Heldengeschichten. Dafür viel Persönliches: Wie lange dauert es, bis ich wirklich wieder zu Hause bei Frau und Kindern angekommen bin? Wie werde ich damit fertig, dass sich daheim einiges verändert hat? Wie halte ich den Kontakt zu den Kindern? Zum Schluss schreiben die Soldaten eine Taschenkarte, erste Hilfe zum Thema "Einsatz und Familie", die fehlte noch, im Taschenkartensortiment.

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Wenn die Kinder den Vater vermissen

Im Zimmer der Frauen wird gelacht. Sie stellen fest: Alle technischen Geräte gehen immer genau dann kaputt, wenn der Mann im Einsatz ist. Und meist alle auf einmal. Aber auch: Wenn er weg ist und die Kinder sind im Bett, dann ist endlich mal Zeit für ganz eigene Dinge, zwei Stunden auf eBay herumsuchen, zum Beispiel. Sozialpädagogin Ingrid Illing spricht mit den Frauen darüber: Was macht mir Stress, was macht mir Mut? Stress macht die Abreise, wenn es nicht losgeht, sich verzögert. Stress macht es, wenn die Kinder traurig sind, weil sie den Vater vermissen. Und Mut macht das Berufsleben, der Kontakt mit dem Partner über E-Mail, Briefe, Chat. Mut machen auch Freunde, Verwandte. Sie wohne noch nicht so lange in Penzing, erzählt die Frau eines Taktischen Systemoffiziers und zweifache Mutter. Sie kannte vorher keine anderen Soldatenfrauen. Das wird sich ändern. Das hat sich geändert. An der Wand hängt eine Liste, alle Frauen tragen ihre Kontaktdaten ein. Der Anfang eines Netzwerkes, einer Hilfe-Hotline. Oder gar von Freundschaften.

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Die Bundeswehr kümmert sich nicht genug um die Frauen

"Wir Männer haben ja uns. Für die Soldaten ist die Flugzeug-Besatzung wie eine Familie im Einsatz", sagt der zuständige Projektoffizier Gerrit Schillinger. "Aber den Frauen zu Hause, denen fehlt vieles auf einmal: Der Gesprächspartner, der Liebhaber, der Vater, auch die Arbeitskraft, der Handwerker." Die Bundeswehr kümmert sich nicht genug um die Frauen. Einmal am Samstagnachmittag mit dem Familienbetreuungszentrum in den Zoo – das reicht nicht aus, so der Oberleutnant. "Das war damals der Auslöser zu sagen: Das müssen wir schaffen, die Frauen mit hinein zu nehmen."

Es war nicht einfach, die Gelder dafür zu bekommen, der damalige Kommodore des Geschwaders musste viele Kämpfe ausfechten. Dann wurde Geld bewilligt – aber nur für Ehefrauen, nicht für Lebenspartnerinnen. Schließlich auch Geld für Lebenspartnerinnen – aber nur für eheliche Kinder. Inzwischen ist jede Patchwork-Familie abgedeckt.

Der heutige Kommodore des LTG 61, Oberst Ludger Bette, er steht voll hinter dem Konzept, diesmal hat er sogar selber teilgenommen, Einsatznachbereitung auch für ihn – aber in der Gruppe der Frauen. Er wollte die Gelegenheit nutzen und auch erfahren, was die Ehefrauen, Freundinnen, Lebensgefährtinnen erleben, was sie beschwert, wo die Bundeswehr helfen kann.

Auf dem Gang riecht es nach Gebäck. Die Kinder backen Plätzchen. Am Nachmittag werden sie mit einer Pferdekutsche durch die verschneite Voralpenlandschaft fahren. Am Abend im Wald eine Hütte bauen und einer Geschichte über den Mond lauschen. Spaß in Tüten. Aber eben auch inhaltliche Anregungen, malen, was sie sich wünschen würden von den Eltern, wenn der Papa weg ist. Das Konzept haben sie vorher mit einer Psychologin durchgesprochen. Für Erzieherin Elisabeth Hannes ist es wichtig, dass die Kinder am Ende mit einem lachenden Gesicht nach Hause fahren. Aber auch, dass sie das Gefühl mitnehmen: Ich bin nicht alleine, auch andere Kinder haben Väter, die Soldaten sind, die in den Einsatz gehen. Und denen geht es ähnlich wie mir.

Quelle: JS - Das Magazin für Leute beim Bund, Ausgabe: Februar 2008

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Stand vom: 27.11.13 | Autor: Dorothea Siegle


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