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Krieg geht weiter

Bonn, 18.12.2006, JS.
Björn Grunow wurde im Kosovo-Einsatz traumatisiert - ein Verein für ehemalige Soldaten hat ihm geholfen (LKU-Thema 12/2006)

Der ehemalige Hauptgefreite Björn Grunow heute

Der ehemalige Hauptgefreite Björn Grunow heute (Quelle: Succo-Media)Größere Abbildung anzeigen

Wenn es dunkel wird, sitzt Björn Grunow in der Wache der Sanitätsakademie in München und starrt in die Nacht. Draußen sieht er Leichen liegen und Männer mit Kalaschnikows in die Luft schießen. 1999 war Björn Grunow als Soldat im Kosovo. Jetzt ist das Jahr 2002 und für ihn ist der Kampf noch nicht zu Ende. Björn Grunow leidet unter den Erlebnissen aus dem Einsatz, sieht die Bilder immer wieder. Nach Feierabend gießt er Tequila auf den eisigen Klumpen in seinem Inneren, flaschenweise, er nimmt Drogen. Seine Zeit bei der Bundeswehr als SaZ 4 ist beendet, nun arbeitet er für eine private Sicherheitsfirma. Björn Grunow weiß nicht, wohin er sich mit seinem Kummer wenden soll - die Bundeswehr, ihre Krankenhäuser und Psychologen sind für ihn in weiter Ferne. Und im zivilen Leben, im heilen Deutschland, da erscheinen die Toten, der Geruch von Leichen, die Schusswechsel und die halb verhungerten Menschen so unwirklich, so unglaubwürdig.

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Das Zittern nach dem Krieg

"PTBS" ist das Kürzel für die Qualen, die Björn Grunow durchleidet, Posttraumatische Belastungsstörung. Nach den Weltkriegen sagte man über Soldaten, die zitterten, nicht schlafen konnten und sprachlos am Tisch saßen, sie hätten den "Kriegszitterer", das "Granatfieber" oder eine "Schützengrabenneurose". Seit dem Vietnam-Krieg und seinen Veteranen heißt es "Posttraumatische Belastungsstörung" und meint, dass ein Mensch nach einem extrem belastenden Ereignis seelisch erkrankt (siehe weitergehende Informationen). Die Symptome von PTBS sind zahlreich, es können Panikattacken und Flashbacks, Schlaflosigkeit und Aggressivität, Sucht und Selbstmordgedanken sein.

Nicht immer reagiert die Seele sofort. Manche Soldaten merken erst Jahre nach dem Einsatz, dass sie etwas belastet. Freiwillig Wehrdienstleistende oder Soldaten auf Zeit sind dann oft nicht mehr in der Bundeswehr, längst in einem zivilen Beruf und, wie Björn Grunow, nicht mehr eingebunden in ein Netz aus Truppenpsychologen, Militärseelsorgern und Bundeswehrkrankenhäusern. Gleiches gilt für die steigende Zahl an Reservisten, die in den Einsatzkontingenten sind. Um diesen ehemaligen Soldaten zur Seite zu stehen, hat sich der Verein "Skarabäus" gegründet.

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Keine Weicheier

Heinz Sonnenstrahl ist Gründungsmitglied und Vorstand von Skarabäus. Der Hauptmann hat so manchen Soldaten weinen sehen. 1996 war er im IFOR-Einsatz in Kroatien, 1999 bei SFOR in Bosnien und 2005 bei ISAF in Afghanistan. Schon bei seinem ersten Einsatz erlebt er Kameraden, die schwer erschüttert waren von Massengräbern und Krieg.

2003 - der Anschlag auf einen Bus in Kabul, bei dem vier deutsche Soldaten getötet und zahlreiche verletzt wurden. Einen bei dem Ereignis schwer traumatisierten Reservisten macht die Bundeswehr zu einem Soldaten auf Zeit, um ihm eine Perspektive zu bieten. Eine positive Reaktion, aber eine Einzelentscheidung. Ein generelles Konzept zum Umgang mit traumatisierten Reservisten hat die Bundeswehr nicht. "Dieser Fall war der entscheidende Anstoß für mich und einige andere zu sagen: Um die ehemaligen Soldaten müssen wir uns kümmern", sagt Heinz Sonnenstrahl. 38 Mitglieder hat Skarabäus inzwischen, aktive und ehemalige Soldaten, aber auch engagierte Zivilisten.

Wer sich an Skarabäus wendet - per E-Mail, anonym, wenn der Betroffene das möchte - der findet zunächst einmal eines: Menschen, die zuhören. Die selbst im Einsatz waren. Die eine psychologische "Grundausbildung" haben wie die "Peers", die Soldaten im Einsatz, die erste Ansprechpartner für ihre Kameraden nach einem traumatischen Ereignis sind.

Die Mitglieder von Skarabäus sind keine Psychologen und erheben auch nicht den Anspruch, zu therapieren. Sie haben ein Netzwerk von Helfern aufgebaut, an das sie den Hilfesuchenden weitervermitteln können: aktive und ehemalige Psychologen der Bundeswehr, Schuldnerberatung, Suchtberatung, Sozialpädagogen. "Wir spielen das Klavier, je nachdem wie uns der Betroffene die Noten vorgibt", sagt Heinz Sonnenstrahl. Wichtig ist ihm, den Betroffenen klar zu machen: Es ist kein Makel, wenn einen dramatische Erlebnisse belasten. Man ist kein Weichei. Im Gegenteil. Dr. Norbert Kröger, ehemaliger Leitender Psychologe im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin, sagt: "PTBS ist eine normale Reaktion eines normalen Menschen auf eine unnormales Ereignis."

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Das Feuer eröffnet

Bei Björn Grunow war es nicht ein unnormales Ereignis. Es waren viele. Er war Fallschirmjäger und gehörte zu den ersten Bodentruppen, die im Juni 1999 im Kosovo einmarschierten, 23 Jahre war er damals alt. Er muss Albaner aus einem Gefängnis befreien, "die sahen aus wie KZ-Häftlinge", erzählt Björn Grunow. Im Nebenraum entdeckt er einen Folterkeller. Am Nachmittag des selben Tages steht Björn Grunow an einem Kontrollpunkt und ein gelber Lada mit zwei bewaffneten Serben rast auf ihn zu. Die Serben schießen in die Luft, schießen in Richtung Kontrollpunkt - Björn Grunow und seinen Kameraden eröffnen das Feuer, die beiden Serben sterben. Sie gehen durch die Medien als die ersten Menschen auf dem Balkan, die durch Schüsse von Bundeswehrsoldaten umkommen.

Zwei Monate lang bleibt Björn Grunow im Kosovo. Er hetzt von Patrouille zu Patrouille, zeigt Präsenz bei aufgeheizten Menschenmengen, die Waffe durchgeladen. Findet Leichen, viele. Einmal kommt er zu einem Haus, das von einem Vater und seinem zehnjährigen Sohn geplündert wurde. Der Sohn zieht eine Waffe, Björn Grunow entsichert sein G36, legt an. Sie können den Jungen überwältigen und stellen fest: Es war nur eine Spielzeugpistole. Ein anderes Mal findet Björn Grunow eine alte serbische Frau, die von Albanern mit einer Axt erschlagen wurde.

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Schweigen...

Schweigen... (Quelle: dpa)

Das lange Schweigen

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland schließt Björn Grunow das Erlebte in sich ein. Beginnt zu trinken, allein auf der Stube. Ein Einsatznachbereitungsseminar gibt es nicht. Seine Vorgesetzten fragen nicht, was den Hauptgefreiten bedrückt. Seine Eltern fragen: "Wie war's im Kosovo?" "Scheiße war's, erzähl' ich euch mal später", antwortet Björn Grunow. Einige seiner Kameraden brechen das Schweigen, sagen: Mit mir stimmt was nicht, ich bin immer so aggressiv, ich brauche Hilfe. "Damals habe ich gesagt: ,Ihr Pfeifen, Ihr Weicheier'", erzählt Björn Grunow. "Heute sage ich: Hut ab!"

Und so verlässt Björn Grunow die Bundeswehr, zehn Monate nachdem er aus dem Kosovo heimgekehrt ist. Niemand weiß, was er erlebt hat. Das kann er erst Jahre später erzählen, als er seine Frau kennen lernt. Sie ist die erste, der er von seinen Erlebnissen berichtet. Sie rennt nicht fort. Sie ruft nicht: "Oh mein Gott, wie furchtbar!" Sie hört einfach zu. Immer wieder, wenn Björn Grunow von den Kriegsgräueln erzählt, immer die gleichen Geschichten. Und das Reden hilft. Der Klumpen in seinem Inneren beginnt, sich aufzulösen. Er hört auf zu trinken. Hört auf, Drogen zu nehmen. Und trifft auf Skarabäus.

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Einen Schlussstrich ziehen

Heinz Sonnenstrahl spricht viel mit Björn Grunow über dessen Erlebnisse. Macht ihm klar, dass die Panikattacken, die ihn manchmal heimsuchen, immer noch Folgen des Einsatzes sein können. Therapeutische Hilfe möchte Björn Grunow erst mal nicht, er will es alleine versuchen. Was ihm helfen würde? Ein neuer Job, sagt Björn Grunow. Er will weg von der Sicherheitsfirma, da er über sie immer noch für die Bundeswehr tätig ist, an der Wache der Sanitätsakademie sitzt. Er will einen Schlussstrich ziehen unter seine Zeit bei der Armee. Skarabäus hilft Björn Grunow bei der Suche nach einer Stelle. Seit einigen Wochen nun arbeitet er im Tiefbau. "Buddeln, Kanäle bauen, Bohlen schleppen - das schlaucht ganz schön. Aber es hilft auch. Dann komme ich auf andere Gedanken", sagt er. Weniger Zeit zu grübeln. Die Panikattacken sind seltener geworden, er schläft ruhiger.

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Keine Konkurrenz

Mehr als 70 ehemalige Einsatzteilnehmer haben sich seit der Gründung von Skarabäus im Jahr 2003 an den Verein gewandt, Tendenz steigend. Bezahlen müssen die Betroffenen für die Unterstützung nichts. Die meisten Experten arbeiten ehrenamtlich für Skarabäus, die restlichen Kosten decken die Beiträge der Vereinsmitglieder - noch.

Heinz Sonnenstrahl betont: Skarabäus will dem Betreuungsangebot der Bundeswehr keine Konkurrenz machen. Die hat nach den ersten Auslandseinsätzen ein psycho-soziales Netz für die Soldaten gespannt: Mit einer intensiven Vorbereitung im Vorfeld des Einsatzes. Mit Truppenpsychologen und Militärpfarrern und den "Peers" im Einsatz. Mit Nachbereitungsseminaren und bei Bedarf psychologischer Behandlung im Bundeswehrkrankenhaus nach dem Einsatz. "Wir wollen lediglich eine Lücke füllen. Denn für ehemalige Soldaten gibt es eben noch kein offizielles Unterstützungsangebot."

Das soll sich ändern, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Jörn Thießen. Er ist Mitglied im Verteidigungsausschuss. Zusammen mit dem Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Thomas Kossendey von der CDU, möchte er sich für ein zentrales Traumaforschungszentrum der Bundeswehr einsetzen. Dort sollen dann aktive und ehemalige Soldaten behandelt werden, wenn möglich auch zusammen mit ihren Angehörigen. Eine Liegenschaft hat der Politiker schon im Blick. Noch in dieser Legislaturperiode, also bis 2009, soll das Trauma-Zentrum Wirklichkeit werden.

Dann wäre die Arbeit von Skarabäus ja überflüssig? Heinz Sonnenstrahl hat damit kein Problem. "Für uns als Verein wäre es der größte Erfolg, wenn uns keiner mehr braucht!"

Quelle: JS - Das Magazin der Evangelischen Militärseelsorge, Ausgabe: Dezember 2006

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Stand vom: 27.11.13 | Autor: Dorothea Siegle


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