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Dem Töten ein Ende

Bonn, 05.01.2007, JS.
Als Militärbeobachter im Sudan. Ein Soldat erzählt (LKU-Thema 01/2007)

Gebeine säumen den Weg: Soldaten der südsudanesischen Rebellengruppe

Gebeine säumen den Weg: Soldaten der südsudanesischen Rebellengruppe (Quelle: ullstein bild)Größere Abbildung anzeigen

Sergej kann nur fliegen, wenn er getrunken hat. Und das macht die Sache nicht gerade besser. Sergej ist russischer Soldat und Hubschrauberpilot, er fliegt UN-Militärbeobachter im Sudan zu ihren jeweiligen Einsatzorten, in einer alten russischen Mi-8, die sich anfühlt wie eine Waschtrommel im Schleudergang. Auch der deutsche Militärbeobachter Thomas Kickler ist sein Passagier. Einmal fällt Kickler auf, dass Öl aus dem Hubschrauber tropft. "Sergej, hier tropft Öl raus", teilt er dem Piloten mit. Sergej betrachtet das Leck, und sagt: "Thomas, das ist gut. Solange Öl raustropft, wissen wir: Es ist Öl drin."

Kapitänleutnant Thomas Kickler erzählt von seinem Einsatz im Sudan. Er erzählt wunderbar und hintergründig und traurig, von Tod und Tragikkomik und Hitze und Hunger. Sechs Monate lang – zwischen Februar und August 2006 – war er als UN-Militärbeobachter im Sudan.

Dort beteiligt sich die Bundeswehr mit rund 35 Soldaten an dem UN-Einsatz „UNMIS (United Nations Mission in Sudan)“.

Der Hintergrund: Über zwanzig Jahre lang herrschte Bürgerkrieg im Süden des Sudan zwischen der südsudanesischen Befreiungsbewegung und den Regierungstruppen. Es ging um Macht und darum, wer an den Ölvorkommen im Süden verdient. 2,5 Millionen Menschen starben in dem Krieg, weitere 4 Millionen wurden zu Flüchtlingen. 2005 unterzeichneten die Gegner ein Friedensabkommen, das die UNO nun überwacht, unter anderem mit rund 750 Militärbeobachtern.

Im Februar 2006 kommen die Bundeswehr-Soldaten in der Hauptstadt Khartum an und werden von dort in das ehemalige Kriegsgebiet im Süden des Sudan verlegt. Alle – bis auf Thomas Kickler. Er landet als einziger deutscher Militärbeobachter mit einem UN-Team im Osten des riesigen Landes, östlich und südöstlich von Khartum in der Grenzregion zu Eritrea (siehe Karte). 29 Militärbeobachter aus 21 Nationen sind sie, unter anderem aus Bangladesch, aus Nepal und Indien, aus Norwegen, aus Bolivien und Uganda, aus Paraguay, aus Guinea, Ruanda und Kenia und Sierra Leone. Auf seine ausländischen Kameraden muss Thomas Kickler gewirkt haben wie der Bilderbuch-Deutsche: Fast zwei Meter groß, breitschultrig und kampfsportgestählt, blond.

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Kinder mit Kalaschnikows

Man schiebe den Kopf in den Backofen und stelle den Ofen auf 80 Grad. Gleichzeitig bitte man einen Menschen, auf der Herdplatte Plastik zu verbrennen und eine Schippe Sand in den Ofen zu werfen. Dann habe man ungefähr das Gefühl, im Osten des Sudan zu sein, so Kickler. 50 Grad, Sandstürme, brennender Müll. An vier verschiedenen Orten in der Savannen- und Wüstengegend überwacht Kickler in den kommenden Monaten den Abzug der Rebellengruppe SPLA (Sudanesische Volksbefreiungsarmee) und zählt ihre Waffen. Die Kämpfer sollen in den Süden des Landes zurückkehren. Die einzige Waffe der Militärbeobachter: Ihr Mund. Denn die Blauhelme sind unbewaffnet, zu ihrem eigenen Schutz.

Der Kampf mit Worten beginnt. In Vier-Mann-Teams kontrollieren Kickler und seine Kameraden in Kassalla den Durchzug der SPLA-Truppen gen Süden. Kleine Jungs, zerfurchte Männer auf riesigen LKWs, mit Panzerfäusten und Kalaschnikows. "Offiziere bitte hier, Unteroffiziere hier, Mannschaftsdienstgrade hier, Waffen dort." Thomas Kickler und seine Kameraden weisen an, wollen zählen. Jemand schießt mit der Kalaschnikow, die vier Militärbeobachter liegen flach auf dem Boden. Was ist denn los? Ja, wir schießen in die Luft, wir freuen uns. Dann freut euch mal anders! Noch mal: Offiziere bitte hier, Unteroffiziere bitte hier… Ein Wassertank steht bei den Militärbeobachtern, alle sudanesischen Soldaten stürzen sich darauf, ein riesiges Handgemenge. Die Militärbeobachter müssen schlichten, mit den Kommandeuren sprechen, Autorität ausstrahlen. Sechs Stunden später ist alles gezählt. Die LKWs werden bepackt, das Gepäck meterhoch in den Himmel getürmt, die ersten Gepäckstücke fallen wieder herunter, es gibt Streit. Der General der SPLA auf seinem Jeep schießt mit dem Maschinengewehr einen ganzen Gurt leer, die vier Militärbeobachter liegen wieder flach auf dem Boden. Was ist los? Der General möchte etwas sagen. "Das MG war sein Sprachrohr – wir waren dann schon froh, dass er keine Panzerfaust hatte", sagt Kickler.

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Das Wunderbare an dem Einsatz war die Kameradschaft: Kapitänleutnant Kickler mit einem norwegischen UN-Soldaten

Das Wunderbare an dem Einsatz war die Kameradschaft: Kapitänleutnant Kickler mit einem norwegischen UN-Soldaten (Quelle: Privat)Größere Abbildung anzeigen

Wanzen, Skorpione, Kakerlaken

Militärbeobachter müssen sich selbst um Unterkunft und Essen kümmern, es gibt kein Camp, keine Feldküche. Kickler und seine Kameraden wohnen in Basthütten und in schmutzigen Steinhäusern mit Wanzen, Skorpionen, Kakerlaken. Kein Bett, keine Möbel, kein Strom, kein richtiges Klo, keine Dusche. Viel Unrat. In der Wüste haben sie 0,2 Liter Wasser am Tag für die Körperpflege, das ist ein halbes Weinglas voll Wasser zum Zähneputzen und rasieren am Morgen, ein halbes für den Abend. Auch das Essen ist ein Problem in der kargen Gegend. Manchmal gibt es Ziegenfleisch. An einem Tag teilen sie sich zu acht sechs Tomaten. 16 Kilo nimmt der Hüne Kickler in den sechs Monaten Sudan ab, von 106 auf 90 Kilo.

"How are you, Thomas? I am fine, thank you." So begrüßt der Uno-Soldat aus Guinea Thomas Kickler, wann immer sie sich sehen. Mehr kann der Kamerad aus Guinea nicht sagen, darin erschöpft sich sein Englisch, "unsere Geheimwaffe", nennt Thomas Kickler ihn. Wenn "unsere Geheimwaffe" am Funkgerät Dienst tut, während die anderen Kameraden auf Patrouille sind, ist Hilfe holen ausgeschlossen, da der Soldat aus Guinea nichts versteht. Ein UN-Soldat verliert bei einem Unfall ein Bein, weil der diensthabende Offizier am Funkgerät kein Englisch spricht und vorgibt, das Gerät aus Versehen leise gestellt zu haben. Die Regierung eines Landes bekommt 1200 Dollar pro Soldaten, den sie der UNO stellt – für Drittwelt-Länder eine gute Einnahmequelle. Thomas Kickler ist mit Abstand der am besten gerüstete Soldat seines Teams: Eine umfassende Ausbildung zum Umgang mit Minen, sehr gute Englischkenntnisse, geübt in Deeskalationsstrategien, eine Sanitätsausbildung, drei Kisten Ausrüstung – vom Klopapier bis zum Satellitentelefon.

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Lachen über das Unfassbare

Das Traurigste passiert in der Wüste. Tagsüber haben sie in dem Ort Hamesh Koreib den Abzug der SPLA-Soldaten überwacht. Zurück lassen die Soldaten auch Waffen, zwei Kinder spielen mit Granaten. Thomas Kickler macht ein Foto von ihnen, zur Dokumentation. Die Kinder geraten in Streit, das eine hat nur eine Granate, das andere drei. Sie einigen sich, beide sollen sie zwei Granaten haben. Der eine Junge wirft dem anderen eine Granate zu, der kann sie nicht fangen, sie fällt auf den Boden und explodiert. Thomas Kickler und die anderen Blauhelme sammeln die Überreste der zwei Jungen im Umkreis von hundert Metern ein, müssen streunenden Hunden die Körperteile entwenden, finden Arme auf den umliegenden Schrägdächern. Am Abend dann sitzen sie zusammen und lachen. Hast du gesehen, wie der Arm weggeflogen ist? Nach einiger Zeit fragt Thomas Kickler: Was machen wir hier eigentlich? Er nimmt sein Satellitentelefon und ruft den Psychologen im Einsatzführungskommando in Potsdam an. Sind wir verrückt? Der Psychologe erklärt ihm, dass das eine normale Reaktion sei, Lachen ein Weg, mit dem Unfassbaren umzugehen.

Andere Szenen: Thomas Kickler bringt ein Kind mit einer schwersten Beinverletzung ins Krankenhaus, stillt mühsam auf dem Weg die Arterie, damit der Junge überlebt. Und dann gibt der Vater keine Einwilligung zu einer Operation, er möchte keinen Krüppel im Haus, dann soll der Sohn eben sterben. Oder die Attacke eines Einheimischen mit der Machete auf den Bundeswehr-Soldaten. Kickler entwendet dem Angreifer die Waffe, überlebt den Angriff, der Schwarzgurt im Jiujitsu macht sich bezahlt. Oder der Dreijährige, der einem Vierjährigen die Hand abhackt, weil der vom selben Müllplatz essen will wie er.

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Mission erfüllt

Im August 2006 ist Thomas Kickler nach Deutschland zurückgekehrt. Hat seine Frau und seine zwei Kinder in die Arme geschlossen. Hat seinen Dienst im grünen Plön an den vielen Seen wieder aufgenommen. Er ist dort Hörsaalleiter in der Bootsmannausbildung an der Marineunteroffizierschule. Alpträume hat er keine, keine Schlafstörungen, auch keine Gedächtnislücken durch die Stressbelastung, sagt er. Er spricht viel über den Einsatz, hält Vorträge in der Kaserne, redet mit seiner Frau über die Zeit, seine Tochter und sein Sohn im Teenager-Alter dürfen sein Einsatz-Tagebuch lesen. Manchmal spricht er mit dem Standortpfarrer – "obwohl ich keiner bin, der in die Kirche geht".

Er bereut den Einsatz nicht. Ihren Auftrag haben sie erfüllt, die SPLA-Kämpfer sind in den Süden zurückgekehrt. Dass nun Soldaten aus Eritrea über die Grenze in den Osten des Sudans eindringen, dass wieder neue Konflikte in der Region entstehen – das ist ihm bewusst.

Etwas hat er aus dem Sudan mitgebracht, an das er sich gerne erinnert: Die Zusammenarbeit mit den anderen Soldaten. Autark sein, mit Kameraden aus aller Herren Länder. Ein paar sind enge Freunde geworden, ein Soldat aus Paraguay, einer aus Norwegen. Sie schreiben sich, zu Weihnachten schickt er Pakete, "deine zweite Familie", sagt seine Frau. Thomas Kickler möchte wieder als Militärbeobachter in den Einsatz gehen. Was treibt ihn? Er ist kein Mann mit Todessehnsucht, mit Helfersyndrom oder Heldenfantasien. Er ist klug, herzlich, hochqualifiziert. "Ich habe so eine tolle Zusammenarbeit, so eng, mit so vielen verschiedenen Menschen sonst noch nie erlebt", sagt er. Der nächste Einsatz steht bevor. Dann geht es nach Eritrea.

Autor: Dorothea Siegle (JS)

Quelle: JS - Das Magazin der Evangelischen Militärseelsorge, Ausgabe: Januar 2007

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Stand vom: 27.11.13 | Autor: Dorothea Siegle


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